Stadtentwicklung

Eine Investition in Köpfe

Bahnstadt: Das öffentliche Engagement zahlt sich um ein Vielfaches aus

Die Bahnstadt gewinnt mit jedem Tag an Kontur. Wo noch vor wenigen Jahren Büsche zwischen alten Gleisanlagen wucherten, entsteht ein kompletter Stadtteil. Er bietet den dringend benötigten Raum, für Wohnungen genauso wie für Labore, Büros und Geschäfte.

In der Bahnstadt entstehen neben Wohnungen wissenschaftsorientierte Arbeitsplätze, die Fachkräfte anlocken.
Richtfest SkyLabs am 16. September: In der Bahnstadt entstehen neben Wohnungen wissenschaftsorientierte Arbeitsplätze, die Fachkräfte anlocken. Die privaten und kommunalen Investitionen hier sichern die Zukunft der Stadt. (Foto: Rothe)

Heidelberg ist in vielerlei Hinsicht in einer besonderen Lage. Die Stadt zieht gut ausgebildete Menschen an, hiesige Unternehmen expandieren, neue Unternehmen werden gegründet, Zahl und Größe der wissenschaftlichen Einrichtungen wachsen kontinuierlich. Bei 145.000 Einwohnern verfügt die Stadt über 110.000 Arbeitsplätze, davon 70 Prozent in Wissenschaft und Technologie. Täglich pendeln 50.000 Personen ein. Die Bevölkerung ist überdurchschnittlich gut gebildet, die sozialen Probleme sind weit geringer als im Bundesschnitt – von solchen Bedingungen können andere Städte nur träumen.

Um diese Vorteile zu sichern, erschließt die Stadt gemeinsam mit der EGH das neue Quartier Bahnstadt. 12.000 Menschen sollen dort künftig wohnen, einkaufen, forschen und arbeiten. Nahezu jede Woche findet derzeit ein Spatenstich oder Richtfest statt. Die Bahnstadt soll innerhalb von fünfzehn Jahren erschlossen werden. Die Stadt rechnet mit Entwicklungskosten in Höhe von 300 Millionen Euro, etwa für Planungs-, Wettbewerbs- und Verlagerungsleistungen. Vor allem aber für bauliche Anlagen und Infrastruktureinrichtungen, die künftig der Stadt gehören: unter anderem Kanäle, Straßen, Grünanlagen, Brücken für Fußgänger und Fahrradfahrer, zwei Kindertagesstätten und eine Schule.

Ein Großteil der gesamten Entwicklungskosten in Höhe von rund 300 Millionen Euro wird im Zuge der Grundstücksverkäufe an private Investoren und über Ausgleichsbeträge der Eigentümer wieder eingespielt. Allein das reicht nicht aus, um einen nachhaltigen Stadtteil entstehen zu lassen. Die Stadtverwaltung rechnet derzeit mit einem Defizit von rund 20 Millionen Euro im Jahr 2022 als anvisiertem Abschluss der Bahnstadtentwicklung aus. Ein Hauptgrund für dieses Defizit klingt zunächst skurril: Die Bahnstadt kommt schneller voran als geplant. Die Nachfrage ist so groß, dass die weiteren Planungen um zwei Jahre vorgezogen werden. Dieses Tempo führt zu zusätzlichem finanziellen Aufwand, weil die Stadt viele Arbeiten früher als geplant leisten und bezahlen muss. Darüber hinaus sind bei bereits laufenden Maßnahmen, wie das anspruchsvolle Bodenmanagement sowie für Ausgleichsmaßnahmen, höhere Kosten angefallen als geplant. Gerade beim Bodenmanagement, das der Entsorgung von Altlasten, Beseitigung von Kampfmitteln sowie Aufbereitung des Baugrunds dient, gibt es viele Unwägbarkeiten.

Doch die 20 Millionen Euro sind gut angelegt. Alleine die Gegenleistung in Form öffentlicher Infrastruktur, die künftig der Stadt gehört – Straßen, Kanäle, Brücken, Grünanlagen, Kindergärten und die neue Schule – übertrifft diesen Betrag um ein Vielfaches. Dazu stößt die Bahnstadt private Gesamtinvestitionen von schätzungsweise zwei Milliarden Euro an – mit entsprechenden Impulsen für hiesige Unternehmen. Vor allem aber ist die Bahnstadt eine Investition in Köpfe. Mit der Erweiterung bindet die Stadt ihr typisches Klientel: gut ausgebildete Menschen, Studenten und Familien genauso wie Fach- und Führungskräfte. Bis zu 5.000 Menschen werden in der Bahnstadt leben – exakt der prognostizierte Zugewinn an Einwohnern in der Gesamtstadt bis 2020. Heidelberg ist damit eine der wenigen Städte in Deutschland, die nachhaltig wachsen. Die neuen Heidelberger sorgen für weit mehr als zusätzliche Steuereinnahmen. Sie sind in der Wissensgesellschaft schlicht das Wichtigste, das eine erfolgreiche Stadtgesellschaft braucht.  (af)