Kultur

Über das Nahe und Ferne

Hilde-Domin-Preisträger Sherko Fatah im Gespräch mit Alexandra Eberhard

Für seine schriftstellerische Leistung bekommt Sherko Fatah am 25. September den mit 15.000 Euro dotierten „Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil“ 2007 der Stadt Heidelberg verliehen. Fatah wurde 1964 in Ost-Berlin als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen geboren, wuchs in der DDR auf und kam 1975 nach Westdeutschland. Er lebt heute als freier Autor in Berlin. Alexandra Eberhard, Mitarbeiterin im Kulturamt der Stadt Heidelberg, sprach mit dem Preisträger.

Sherko Fatah
Sherko Fatah (Foto: Privat)

? Sie wurden als Sohn einer deutschen Mutter und eines kurdisch-irakischen Vaters geboren und leben in Deutschland. In welcher Verbindung stehen Sie heute noch zum Irak?

Fatah: Mein Vater lebt im Norden, andere Verwandte väterlicherseits überall im Land, auch in Bagdad. Wenn ich nicht selbst hinfahre (zuletzt 2004), dann bleibe ich doch, so gut es geht, in Kontakt.

? Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Fatah: Sehr wahrscheinlich durch das Lesen. Vor allem in Stadtbibliotheken. Ich habe schon als Schüler zu schreiben begonnen, anfangs Gedichte und kurze Prosa, erst nach einigen Jahren wagte ich mich an größere Erzählungen. Einige solcher Projekte begleiteten mich während der Studienzeit, die erste Veröffentlichung war dann schließlich der Roman „Im Grenzland”.

? Sie haben Philosophie und Kunstgeschichte studiert und Ihr Studium mit einer Arbeit zur philosophischen Hermeneutik abgeschlossen. Inwieweit hat Sie dieser Werdegang in Ihrer Arbeit als Schriftsteller beeinflusst?

Fatah: Überraschenderweise ist das für mich schwer einzuschätzen. Ich hoffe aber, dieser Werdegang hat mich klüger gemacht, als ich vorher war.

? Waren Ihre Reisen in den Irak Recherche-Reisen oder kam der Gedanke, darüber zu schreiben, erst später?

Fatah: Als kleines Kind in den späten Sechzigern, dann in den frühen Siebzigern und später wieder mehrmals während der achtziger Jahre waren es ausschließlich Besuche bei der Familie. Danach hat es sich verändert. Es hat lange gedauert, bis ich eine Weise fand, über dieses zugleich Nahe und Ferne zu schreiben.

? Würden Sie sagen, dass das eigene Nachempfinden, das eigene Erleben eines Ortes oder das Sich-Erinnern an einen Ort, über den ein Autor schreibt, den Text eindrücklicher macht?

Fatah: Grundsätzlich ja, allerdings darf man der Literatur hier nicht allzu enge Grenzen ziehen: Man könnte auch eine phantastische Insel eindrücklich darstellen. Wichtig ist nur, dass man überhaupt einmal einen Ort wirklich tief erlebt hat. Das widerfährt uns zumeist in der Kindheit.

? Sie beschreiben extreme existentielle Angst und Überlebenswillen. Inwieweit kann man eine solche menschliche Ausnahmesituation überhaupt sprachlich fassen?

Fatah: Inwieweit es gelingt, weiß ich nicht, bin aber der Überzeugung, man sollte es versuchen. Für mich ist Literatur mehr als das Darlegen rein persönlicher Erfahrungen. Sie ist eine faszinierende Möglichkeit der Anempfindung mit künstlerischen Mitteln. Das hat zu tun mit einer erstaunlichen Fähigkeit des Menschen: Wäre unsere Imagination wirklich so beschränkt wie manche meinen, was schreckt uns dann eigentlich auf beim Anblick von Bildern wie aus Abu Ghuraib?

? Wo bewegen Sie sich als Autor zwischen Dichtung und Wahrheit, Ihrem eigenen Leben und dem Leben derer, über die Sie schreiben?

Fatah: Darüber denke ich nicht nach: Im Moment, da ich zu schreiben beginne, ist alles Dichtung, selbst wenn die Geschichte, die ich gerade erzähle, in irgendeiner Weise wahr sein sollte.

? Aus welcher Perspektive erzählen Sie?

Fatah: Aus der Perspektive eines saumseligen Zaungastes. Jemandes also, der nicht so nah dran ist, dass er auf seine Phantasie verzichten könnte, aber doch nah genug, um sich nicht alles aus den Fingern saugen zu müssen.

? Der Literaturkritiker Karl-Markus Gauß schrieb in der ZEIT über Sie: „Er hat eine Geschichte zu erzählen, für die es in der deutschen Literatur kaum Vergleiche gibt, und er tut dies auf eine Weise, wie man sie hier sonst nur von Übersetzungen kennt. Dass sie mittlerweile auch von Autoren geschrieben wird, die Sherko Fatah heißen und als Deutsche aus dem Fundus von Familientraditionen schöpfen, die sie mit entlegenen Weltregionen verbinden, beginnt die deutsche Literatur unverkennbar zu bereichern. Es bringt ihr neue Themen, fremde Tonlagen, ungewohnte Perspektiven, kurz: Welt.“. Welche Welt möchten Sie dem Leser näher bringen?

Fatah: Eigentlich seine eigene, die mehr und mehr von den Rändern her beeinflußt wird. Wir leben aktuell in einer Zeit, in der weltweit einige Bewegung gekommen ist in das Verhältnis von Zentrum und Peripherie. Dementsprechend haben sich auch die Geschichten verändert, die erzählt werden.

Das vollständige Interview ist nachzulesen in der Broschüre „Hilde-Domin-Preis 2007”, herausgegeben vom Kulturamt der Stadt Heidelberg, und im Internet unter www.heidelberg.de/kulturamt.

Preisverleihung und Lesung

 

Der Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil 2007 wird am Dienstag, 25. September, um 19 Uhr von Oberbürgermeister Dr. Eckart Würzner im Spiegelsaal des Prinz Carl verliehen. Die Laudatio hält die Literaturkritikerin und Universitätsdozentin Dr. Sabine Berking. Am Mittwoch, 26. September, um 19.30 Uhr liest Sherko Fatah in der Stadtbücherei, Poststraße 15, aus seinen Romanen „Im Grenzland” und „Onkelchen”. Der Eintritt ist frei.